Emanuel Stössel

Wenig war im Jahr 2018, als diese Webseite erstellt wurde, über Emanuel Stössel bekannt. Erst die Recherchen und dann ein Zufallsfund im Jahr 2020 brachten viele neue Erkenntnisse und das Finden von Nachkommen in England.

Emanuel Stössel wurde am 24. Mai im Jahr 1886 in Lockenhaus geboren. Gestorben ist er vermutlich im Jahr 1942, in Polen.

Emanuel Stössel
Emanuel Stössel

Er war der Sohn von Wolf und Sophie Stössel (geb. Gerstl). Über Wolf Stössel berichtet Ägidius Schermann in seiner Chronik über Lockenhaus, dass dieser sehr um die Erziehung seiner Kinder bemüht war. Emanuel hatte fünf Geschwister. Der zweitgeborene Sohn von Wolf und Sophie, Emanuels Bruder Max Mordechai, dürfte das Geschäft des Vaters in Lockenhaus übernommen haben, der älteste Bruder Moric und die zwei Schwestern Hermine und Berta siedelten sich in kleinen ungarischen Dörfern nahe der Grenze an, Schwester Eugenie, die in Lockenhaus ein Haus in der Hauptstraße besaß, verkaufte dies und zog zuerst nach Wr. Neustadt und später nach Wien, wo sie 1941 starb. Vier Geschwister von Emanuel, Max Mordechai, Moric, Berta und Hermine wurden in der Shoa ermordet. Zwei Geschwister, Katalin und Eliza, starben im Kleinkindalter und ein Bruder, Emil, starb sehr jung.*

Emanuel ging nach Mödling und führte dort eine Handelsgesellschaft. Er war verheiratet mit Valerie (geborene Breuer). 1932 wurde er Vorstandsmitglied der IKG- Mödling.

Valerie
Valerie Stössel, geborene Breuer

Das Wohnhaus des Ehepaars Stössel in der Klostergasse 8 hat eine lange Geschichte, die bis in das Jahr 1200 zurückreicht. Von 1865 bis 1889 befand sich darin ein Jüdisches Bethaus, auch von einer Badeanstalt wird berichtet. Emanuel Stössel führte in dem Haus, in dem er mit seiner Familie, seiner Ehefrau Valerie und den drei Töchtern wohnte, auch er ein Geschäft und es war der Sitz seiner Handelsgesellschaft und Kommission für Hülsenfrüchte, Landesprodukte und Kolonialwaren, (Auszug aus einem Handelsregister).

Klostergasse 8
Wohnhaus und Geschäftshaus, Klostergasse 8, Mödling
Stössel E
Erinnerungsstein in Mödling, Klostergasse 8
Abschiedsworte in einem Gebetbuch an Sophie

Im Jahr 1938 wurde die Familie Stössel, wie alle jüdischen EinwohnerInnen, aus Mödling vertrieben. Emanuel und Valerie lebten bis zur Deportation in Wien im 2. Bezirk. Es sind zwei Adressen des Ehepaars bekannt: Tandelmarktgasse 8/5 und Hollandstraße 10/20. An beiden Adressen befanden sich sogenannte Sammelwohnungen. Am 19. Oktober 1941 wurden Emanuel und Valerie abgeholt und mit anderen 998 Jüdinnen und Juden auf Lastwägen in den 3. Bezirk gebracht zum Aspangbahnhof. Von dort wurden sie mit dem Transport 7, Zug Da 5 von Wien in das Ghetto Litzmannsstadt/Lodz in Polen deportiert.

Shlomo Frank, a resident of Ghetto Lodz, made an entry in his diary dated October 19th, 1941, describing the newly arrived transport from Vienna:
“Today 1,000 refugees arrived at the ghetto from Vienna. Among the arrivals were physicians, engineers, professors, renowned chemists, former big merchants, a number of priests, children whose parents had converted from Judaism and twenty Christian women who arrived with their Jewish husbands and their children. The Jews from Vienna brought food and many personal belongings along. They told us that they were transported in second-class railway to the Polish border and were treated well. Many Viennese, so they reported, were sad and sorrowful; many women had wept loudly, begging God to take action soon. However once across the Polish border, the guards changed and the good treatment ended. The further they advanced into Poland, the more the treatment worsened.”

In the period between May 4 and May 15, 1942, many of the Jews who had been expelled and deported from Vienna were murdered in the Chelmno extermination camp. (Quelle: yadvashem.com)

Wann die beiden ermordet wurden ist unbekannt. Man weiß, dass Emanuel Stössel im Jänner 1942 noch am Leben war, da ein von ihm unterschriebenes Schriftstück aus dem Ghetto Litzmannsstadt erhalten ist. Das Lager diente vor allem als Zwischenstation vor der Deportation in die deutschen Vernichtungslager Kulmhof, Auschwitz II, Majdanek, Treblinka und Sobibor. Ein Enkel von Valerie und Emanuel Stössel hatte in Yad Vashem recherchiert und dort die Bestätigung erhalten, dass beide in Auschwitz ermordet wurden. Die Nationalsozialisten führten akribische Aufzeichnungen und diese sind in Yad Vashem einzusehen. Sie enthalten das Datum der Deportation von Österreich nach Lodz, das Datum des Transports nach Auschwitz, das Datum ihrer Ankunft in Auschwitz. Am Tag ihrer Ankunft im Lager in Auschwitz wurden sie sofort in die Gaskammern gebracht und ermordet. (Diese Information stammt von einem Nachkommen von Emanuel Stössel, nach seinem Besuch in Yad Vashem)

Bis zum Jahr 2020 war nur bekannt, dass zumindest eine Tochter, nämlich Sophie, überlebt hat, denn sie schrieb im Jahr 1975 eine Page of Testimony in Yad Vashem, wie auch ein Enkel, Peter, im Jahr 2006. Beide Gedenkblätter sind auf der Webseite öffentlich einsehbar.

"My mother´s maiden name was Stössel"

Im Jahr 2020 meldete sich bei shalom.nachbar in Lockenhaus ein Sohn von Sophie Stössel. Sie war die zweitgeborene Tochter von Emanuel und Valerie Stössel. Er hat durch Zufall die Homepage shalom-nachbar gefunden und konnte so, neben den eigenen neuen Erkenntnissen, die er durch die Homepage über seine Vorfahren gefunden hat, auch an shalom.nachbar wertvolle neue Informationen zur Familie des Emanuel Stössel geben. Valerie und Emanuel hatten neben Sophie noch zwei Töchter. Alle drei überlebten den Holocaust. Franzi, Sophie und Gretel.

Franzi war die älteste der drei Schwestern und gemeinsam mit ihrem Ehemann gelang ihr die Flucht nach England. In den frühen 60er Jahren emigrierten sie mit den beiden Söhnen in die USA. Beide Söhne gründeten Familien.


Sophie Stössel, ca.1938

Sophie, geb. im Juli 1919 in Wiener Neustadt, war neunzehn Jahre alt, als ihr die Flucht nach England gelang. Am 15. November 1938 konnte sie aus Wien nach London flüchten. Sie heiratete 1940, am Vorabend seiner Internierung ("enemy alien") auf der Isle of Man, einen jungen Österreicher. Beide engagierten sich in London in der Young Austria Bewegung, einer Vereinigung der Free Austrian Mouvement, die in England von ÖsterreicherInnen gegründet wurde, um den Verfolgten eine "Heimat" in der Fremde zu geben. Sophie und ihr Ehemann hatten zwei Söhne. Beide leben mit Ihren Familien (Kinder und Enkelkinder) in London. Sophie wurde 87 Jahre alt, sie starb 2006. „Der Holocaust war die große Tragödie ihres Lebens. Ein ständiger Schatten“. (Zitat eines ihrer Söhne)

Gretel (Margaret), geb. am 31. März 1923, war die jüngste der drei Schwestern. Sie wurde nach der Pogromnacht im November 1938, über einen Kindertransport des Roten Kreuzes nach England gebracht. Ob die Eltern Emanuel und Valerie wussten, wohin ihre jüngste Tochter geschickt wurde, ist unklar. In England angekommen wurde die fünfzehnjährige Gretel, im Gegensatz zu anderen Kindern aus den Kindertransporten, leider nicht von einer Familie aufgenommen, sondern kam in ein Waisenhaus. Gretel bezeichnete das Heim, in ihren wenigen und skizzenhaften Erzählungen, eher als ein „Arbeitslager“. Erst 1940 war sie wieder mit ihren Schwestern vereint und lernte ihren zukünftigen Ehemann, der ebenfalls aus Wien stammte, in England kennen. 1949 wanderten sie in die USA aus. Gretel wurde 78 Jahre alt, sie starb 2001. Nachkommen von Gretel leben heute in den USA. Gretel sprach „niemals über ihre Eltern und sehr wenig über ihr Leben auf der Flucht, auf Fragen dazu wurde sie immer sehr still. Darüber zu sprechen war zu schmerzvoll“. (Zitat ihres einzigen Sohnes)

Gretel Stössel kurz vor ihrer Flucht mit einem Kindertransport nach England und ihre Eltern Emanuel und Valerie Stössel

Im Jahr 2021 waren die Nachkommen von Emanuel Stössel zu Besuch in Lockenhaus. Es war ein sehr emotionales Treffen im Café, welches sich heute im ehemaligen Wohnhaus der Familie Stössel befindet. Weitere Besuche wurden vereinbart. Rachel, eine Urenkelin von Emanuel und Valerie Stössel, die Enkelin von Sophie kam im Jahr 2024 nach Österreich und erzählte in den Schulen der Region über die Geschichte Ihrer Familie. Eine berührende Rede hielt sie bei einem Erinnerungskonzert der Musikschulen und shalom.nachbar in der ehemaligen Synagoge in Kobersdorf im April 2024, wo sie auch über ihren Besuch am Friedhof in Lackenbach erzählte und über die Erinnerungssteine in Mödling, wie wichtig ihrer Familie diese Steine und die Erinnerung an ihre Urgroßeltern im Burgenland sind. Begleitet wurde sie ihrer Schwester Imogen und deren Ehemann und gemeinsam besuchten sie Lockenhaus und das Haus in dem ihr Urgroßvater Emanuel Stössel geboren wurde.

Haus Suess Stössel
Emanuel Stössels Geburtshaus in Lockenhaus (alte Postkarte)
Stolpersteine
Erinnerungssteine "Stolpersteine" in Mödling (Foto: Ruth Patzelt)

Quellen: Schermann Chronik, Yad Vashem, DÖW doew.at. * my heritage